29.01.2018

Einfache Welterklärung

In einen Beitrag über das Weltwirtschaftsforum 2018 in Davos der Deutschen Welle ("made for minds" steht da obendran!), dem staatlichen Auslandsnachrichtendirundfunk,  wird uns die Welt erklärt - naja, zumindest die Welt, wie sie in den Köpfen der Besucher des Weltwirtschaftsforums in Davos herumspukt: 
  
"Früher wurden die Arbeiter ausgebeutet", sagt Yuval Noah Harari, Geschichtsprofessor an der Hebräischen Universität von Jerusalem und Autor von Bestsellern wie "Eine kurze Geschichte der Menschheit".
"Jetzt fürchten die Menschen, dass es noch schlimmer kommt. Sie fürchten, völlig irrelevant zu werden", so Harari. "Wenn ich ausgebeutet werde, dann bin ich wenigstens irgendwie wichtig: Sie können mich erschießen, aber wer macht dann meinen Job? Wenn ich völlig irrelevant bin, dann ist das viel bedrohlicher."
So eine diffuse globale Masse an völlig irrelevanten Menschen wäre natürlich noch viel bedrohlicher für die Wirtschaftselite als eine Masse von Wirtschaftssubjekten, die ökonomisch betrachtet immerhin noch knapp relevanter als ein Schuß Munition sind, und die Entstehung einer solch gefährlichen Masse muß natürlich verhindert werden - und die Lösung ist, so kann man in dem Beitrag praktischerweise gleich nachlesen:
"Es geht wirklich darum, wie man die Menschen umschulen kann und sie so befähigt, die neuen Ansprüche zu erfüllen", sagt Vijayakumar.

"Klingt schlau", sagt die Maus, "issesabagarnich". 

Denn diese "neuen Ansprüche" - die kommen ja nicht von irgendwoher, die sind nicht gottgegeben und liegen nicht in der Natur der Welt: Im Gegenteil  - diese "neuen Ansprüche" sind pures Menschenwerk, sogar das Werk einer ganz geringen Anzahl von Menschen - und zwar geschickterweise von ziemlich genau denselben Menschen, die sich in Davos regelmäßig treffen und ganz selbstverständlich über die Lebensumstände dieser Masse von Menschen bestimmen. Der "normale Mensch" hat also einzig den Zweck, die ökonomischen Ziele der Davosmenschen umzusetzen - und nur dazu muß man den Menschen befähigen, alles Weitere wäre schädlich - eine sehr deutliche Formulierung der neoliberalen Weltsicht, wie man sie so ungeschminkt selten liest.  

Was aber, wenn die Menschen bereit sind - wer bezahlt dann für dieses Modell der ständigen Umschulung und Weiterbildung? "Der Staat", sagt Russell Hochschild.

"Der Staat" ... das sind doch genau diese Menschen, die den Großmächtigen sogenannten "Wirtschaftsführern" so wenig wert sind - das ist ... wie wenn die Mastschweine ihr Futter noch selber bezahlen sollen.

Und die von den Mastschweinen gewählten großen Politiker sonnen sich dort in Davos im Lichte der "Wirtschaftseliten" und merken gar nicht, daß sie in Wirklichkeit machtloses Mittel zum Zweck sind und nur noch Darsteller einer vorgeblichen Staatsmacht, eine Staffage, die pflichtgemäß den Schwanz einzuziehen hat, wenn "die Märkte grollen". "Die Märkte", das sind die neuen Gottheiten, menschengemachte Popanzen, Goldene Kälber der Neuzeit, zum Drumherumtanzen

Umgekehrt sonnen sich die medial kaum bekannten "Wirtschaftsgrößen" im Licht der Fernsehscheinwerfer, die routinemäßig auf die Politiker gerichtet sind - ein selbstreferenzielles System, in einer Größenordnung, die sich Niklas Luhmann wohl noch gar nicht vorstellen konnte. 

Und die Staatsjournalisten plappern unreflektiert nach, was die selbsternannten Herren der Welt vorplappern und verbreiten das in die Welt. 

Und die kleinen Politiker, die sich doch so gerne auch mal in Davos besonnen lassen würden und die in den Landesregierungen für die Bildung verantwortlich sind, verwässernändern aufgrund der "neuen Voraussetzungen" regelmäßig sämtliche Bildungspläne, auf daß die so frisch ausgebildeten jungen Menschen sich bloß nicht gefährlich irrelevant fühlen sondern sich, wie es Tradition und formuliertes Ziel ist, ausgebeutet und damit wichtig fühlen können ... und die frisch ausgebildeten jungen Menschen sinds mit dieser Lebensaussicht zufrieden ... hocken derweil in prekären Dauerpraktikaschleifen fest, studieren Rasenmäherei oder erringen ein Jodeldiplom .

So einfach geht also die Welt. 

Aber eines Tages wird auch der Neoliberalismus seine Kinder fressen, wie alle Revolutionen das tun. Das Schlimme ist: Es kommt wahrscheinlich wieder nichts Besseres nach.